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Flüchtlinge bieten Chance für ländlichen Raum
10.12.2015 07:43

Flüchtlinge bieten dem vom demografischen Wandel betroffenen ländlichen Raum eine historische Chance. „Wir müssen handlungsfähiger werden und haben vor dem Hintergrund der Flüchtlings-Integration die Chance, bestehende Bestimmungen und Verfahrensweisen zu überprüfen“, sagte der Bürgermeister der Einheitsgemeinde Stadt Tangerhütte, Andreas Brohm (37/parteilos) am Donnerstag (10. Dezember 2015) in einem Interview. Als Beispiel nannte er leichtere Vergabeverfahren. Das ganze Interview lesen Sie hier:

Frage: Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Gemeinde mit der Integration von Geflüchteten?

Andreas Brohm: Wir haben in der Einheitsgemeinde Stadt Tangerhütte das Netzwerk Neue Nachbarn gegründet. Darin organisieren sich zum Beispiel Patenschaften zwischen Ehrenamtlichen und Geflüchteten. Die Paten helfen den Flüchtlingsfamilien im Alltag, unter anderem bei Behördengängen. Damit machen wir sehr gute Erfahrungen. Zum einen sind die Familien dankbar für die Unterstützung unserer Einwohner. Zum anderen kommt es so leichter zu Kontakten zwischen den Geflüchteten und den Bewohnern unserer Gemeinde. Wir begegnen uns mit gegenseitigem Respekt und nehmen die Herausforderung der Integration an, denn als Kommune haben wir ein Interesse daran, dass die neuen Nachbarn bleiben und sich wohlfühlen.

Welche Vorteile in der Bewältigung der Integrationsaufgabe bietet der ländliche Raum?

Brohm: Ländlicher Raum und Schrumpfungsprozesse gehören inzwischen leider zusammen. Seit einigen Monaten denken wir jedoch wieder anders. Wir stellen uns die Frage: Wie können wir unsere vorhanden Ressourcen nutzen, um erstens die aktuelle Herausforderung zu meistern und zweitens zu einer Verbesserung der Strukturen im ländlichen Raum zu kommen? Wir haben den Platz und die Möglichkeiten, Menschen eine neue Heimat zu geben. In einer Kommune in der jeder jeden kennt findet Integration sehr viel direkter statt. Vielleicht gibt es auf dem Land so etwas wie „Integration 4.0“. 

Wie kann in Zukunft der ländliche Raum von den Geflüchteten profitieren?

Brohm: Der ländliche Raum benötigt Zuzug. Geflüchtete sind dabei eine Säule. Unsere noch sehr umfangreich vorhandenen Ressourcen, etwa bei Wohnraum, Kitas oder Schulen, Abwasser oder Straßen, werden somit besser ausgelastet. Es ergeben sich sogar Modernisierungsgründe bei einer besseren Auslastung. Wenn wir den Schrumpfungsprozess stoppen, jedoch nicht nur durch den Zuzug von Geflüchteten, wäre das sehr hilfreich für die gesamt Entwicklung des ländlichen Raumes.

Was sollten ländliche Kommunen darum jetzt tun? 

Brohm: Wir sollten aktiv schauen, wo genau unsere Möglichkeiten liegen und mit unseren Einwohnern besprechen, wie wir die Herausforderung meistern können. Unter anderem dazu haben wir in unserer Gemeinde das sehr aktive Netzwerk Neue Nachbar gegründet.

Was ist aus Ihrer Sicht von Seiten des Gesetzgebers notwendig, um die Integration von Geflüchteten zu verbessern?

Brohm: Wir müssen handlungsfähiger werden. Die vorhandenen Bestimmungen lassen es oft nicht zu, schnell und pragmatisch zu handeln. Nicht angemessen und schnell genug zu reagieren ist oft der große Vorwurf an die Verwaltung. Doch jetzt haben wir die historische Chance, unsere Verfahrensweisen auf den Prüfstand zu stellen und sie zu hinterfragen. Insbesondere das Bau- und Vergaberecht bremst die Kommunen, pragmatische Lösungen voranzutreiben.

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